NG – eine der besten Romanautorinnen unserer Region
Geschichte erleben
Aktuelles erfahren
Romane kennenlernen ...
... das Historische
 
 
 
Leseprobe
 
 
 
 
 
... das Kriminalistische
Bücher bestellen
Schreibkurse besuchen
Gästeführungen besuchen
Termine verfolgen
Medienmeldungen verfolgen
Kommentare hinterlassen
im Blog lesen
Fotos betrachten
Mehr zur Person erfahren
Kontakt aufnehmen
Partnerlinks kennen
Leseprobe
 

Der Schlag des Schicksals

Zuerst hörte ich nur ein Knirschen, ein fast unbedeutendes Knacken von trockenem Holz. Nicht bedrohlich, eigentlich kaum erwähnenswert im Warenlager meines Vaters, das neben der Waffenschmiede lag.
In dem konnten die Gehilfen durch die geschickte Aufteilung von gezimmerten Regalen, steinernen Arbeitsflächen und dazwischenliegenden Gängen ohne sich gegenseitig zu hindern umher eilen.
Etwa um wie soeben Kiesel zu holen, diese in den Kessel mit Schmirgel und Öl zu kippen, kräftig zu rühren und die entstandene Mischung zu den Schwertfegern zu bringen.
Diese drängten sich ihrerseits geschäftig lärmend durch die Gänge, trugen die schon in der Waffenschmiede gefertigten und geschliffenen Klingen zu den Holzscheiben an ihre eigenen Arbeitsplätze im Warenlager.
Natürlich ging auch das anschließende Bestreichen der Klingen mit der Mischung, das Glätten und Blankpolieren auf den rotierenden Holzscheiben nicht ohne Geräusche ab. Genauso wenig wie das Befestigen der Griffe, das Säubern der zum Handel bestimmten Waffen und das Verpacken in geflochtene Körbe oder in mit Werg ausgepolsterte Kisten.
Das anschließende Beladen unseres zweirädrigen Karrens mit diesen Kisten voller Pfeile, Lanzen, Dolche, Schwerter und Streitäxte trug ebenfalls zum beständigen Surren, Schwirren und Klirren, gelegentlich aufbrausenden Lärm in den mannshoch gemauerten Wänden bei.
Warum sollte ich das Knirschen also beunruhigend finden?
An diesem Ort, den ich schon als Kind besucht hatte? So oft es mir möglich gewesen war - und wo ich dann heimlich wie ein Taugenichts durch die Regalfluchten schlich, mich hinter den Truhen und Fässern versteckte, den herben Geruch begierig einsog, dem Hämmern und den Scherzen der Männer in ihren ledernen Schürzen lauschte. Inzwischen wäre meine Größe beim Verstecken hinderlich gewesen, wie es mir nun auch mein Stolz gebot, sich hier endlich wie ein Mann zu bewegen, aufrecht und festen Schrittes.
An diesem Ort, den mein Vater als Letztes aufsuchte, bevor er sich auf eine seiner unzähligen Reisen begab, und den er als Erstes mit seiner Anwesenheit beglückte, kaum dass er von seinen Fuhrwerkskarren gestiegen oder von Bord unseres Schiffes gegangen war.
An diesem Ort, an dem er mit meinem nur unwesentlich älteren Bruder die Geschäfte besprach, während ich, der unbedeutende Urban, den heimischen Hof hütete, mich mit Vieh und Feldarbeit begnügen, sogar Mutter und Schwestern zur Hand gehen musste.
Mittlerweile hatte ich die ziehende Sehnsucht nach dem Händlerdasein tief in mir verstaut, anfangs auch nur vorsichtige Freude empfunden, als mein Vater mich heute Morgen zu sich gewinkt hatte, kaum dass er von der Mahlzeit aufgestanden war.
Ich sollte ihn ins Warenlager begleiten! Ich! Endlich! Doch … warum, wozu?
Ich war es gewohnt, dass mein Vater seine Worte sparsam verwendete und erwartete, dass ich meine Neugier bezwingen, auf die Erklärung zur rechten Zeit warten könne. Dennoch fiel es mir heute sehr schwer, seinem Wunsch zu entsprechen.
Meine Vorfreude wuchs – während der ganzen Zeit, als er sich von Mutter verabschiedete, bedächtig und würdevoll den sommerlichen moosgrünen Umhang mit den bortenverzierten Ärmeln überstreifte und ihn mit dem sagenhaften Gurt schloss.
Meine Spannung steigerte sich noch, als wir vom Haupthaus über den Hof zum Warenlager gingen und er innehielt, um die Augen mit der Hand abzuschirmen und die aufsteigende Sonne zu betrachten. Dabei jedem die Gelegenheit gab, ihn und seine Kappe mit dem Zeichen des Vorstehers der Händlergilde zu bewundern, den sorgfältig gekürzten Bart, den allwissenden Blick, die streng geschlossenen Lippen.
Es war ein Anblick, der einen in die Flucht schlagen konnte.
Doch heute hatte ich mich nicht abgewandt, war gern in seinem Schatten geblieben und sogar noch näher aufgerückt, als wir das Warenlager betreten hatten, uns nun inmitten der Gehilfen und Schwertfeger bewegten … Aber jetzt, in diesem Augenblick hielt ich die Ungewissheit nicht mehr aus, verdrängte sogar den Gedanken an das Knirschen, das mich abgelenkt hatte.
„Vater“, ich eilte hinter ihm her durch das Warenlager, „warum …?“
Doch er achtete nicht auf mich, drehte sich stattdessen zu dem älteren Mann um, der schon vor dem Tisch mit den meisterhaft gefertigten Bogen auf uns gewartet hatte und ein langjähriger Vertrauter der Familie war. Bero, unser Faktotum, Helfer, Beistand, Stütze des Vaters – und irgendwie wirkte er auch wie ein Abbild des Familienoberhauptes.
Er grüßte mich nur kurz und raunte sofort meinem Vater etwas zu.
„Bitte, ich frage mich …“ Ich war entschlossen, nicht nachzugeben.
Aber mein Vater, Herr über Haus, Hof und Umgebung, hob nur die Hand, um mir zu zeigen, dass ich schweigen solle und flüsterte stattdessen Bero zu: „Wir dürfen keinesfalls den Markgrafen …“
Ich stutzte. Es ging um den Herrn Heinrich? Was konnte der junge Landesherr, halb so alt wie ich selbst, denn von uns wollen? Ich bemühte mich sehr, dem Gespräch zu folgen, beugte mich vor und konnte mich dabei sogar in der kunstvoll gearbeiteten Gurtschnalle meines Vaters erkennen.
In der Schnalle, die üblicherweise jeden Sonnenstrahl spielerisch einfing und glänzend zurückwarf, die jedem Entgegenkommenden ins Auge sprang, den Bürgern im Meißnischen Lande die Wichtigkeit des Trägers bestätigte. Und mir jetzt eine gerunzelte Stirn, verkniffene Augen, eine hochgezogene Lippe und entblößte Zähne zeigte. Das Gesicht eines Lauschers – mein Gesicht.
Doch ich konnte trotz meiner Anstrengungen nichts von den gehauchten Botschaften verstehen, und um nicht noch den Halt zu verlieren, die Männer womöglich ungehörig zu rempeln, gab ich auf und wandte mich ab. Trat mehrere Schritte zur Seite und betrachtete geflissentlich das Wirken der Gehilfen … und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf das Knirschen.
Mittlerweile war es lauter geworden, so, als ob es sich auf einen größeren Einsatz vorbereiten wollte.
Ich ließ meinen Blick im noch nicht vom Sonnenlicht vollständig erhellten Raum über die Köpfe der Anwesenden hinweg schweifen, doch ich konnte das Unheil erst erkennen, als es schon fast zu spät war. Dann allerdings in vollkommener Klarheit, so, als sollte ich die Gelegenheit haben, später darüber berichten zu können.
Dass sich die Stützbretter eines riesigen Warengestells an der rechten Seite meines Vaters so neigten, als wollten sie ihn begrüßen, als das leichte Knirschen mit einem Knall in drohenderes Splittern überging, die Bretter auseinander drifteten und die darauf verstaute Waffenmenge – wie von geisterhafter Kraft geführt – rutschend Kurs auf Vater und Bero nahm.
„Gebt Acht“, brüllte ich in höchster Verzweiflung, schnellte vor, riss mit der linken Hand Bero so nach hinten, dass der strauchelnd und verwirrt nach Halt suchen musste. Während ich mich weiter nach vorn lehnte und mit aller Kraft meiner rechten Faust Vater in den kurzen Gang hineinstieß …
Was sich jedoch als Fehler herausstellen sollte.
Denn dorthin neigte sich eben das berstende Regal mit all den darauf abgelegten Ungetümen und schnitt ihm den einzig möglichen Fluchtweg ab.
Mein Vater versuchte entsetzt, sich mit hochgerissenen Armen vor den Wurfgeschossen zu schützen und die Schwertklingen, Pfeilspitzen, Messer und Äxte abzuwehren.
Ich durfte nicht hilflos zusehen, schüttelte Bero ab, mit dem ich mich verhakt hatte, warf mich gegen das kippende Monstrum, wollte den Zusammenbruch um jeden Preis mit meinen Schultern aufhalten.
Doch der Koloss war stärker, dröhnte höhnisch, setzte seinen Weg unter tosendem Geräusch fort, unaufhaltsam, unbeeindruckt von meinen Halteversuchen und den erschütterten Schreien der Umstehenden – genau auf meinen Vater zu, als wäre der sein erklärtes Ziel.
Metallstücke flogen durch die Gegend, fielen klirrend auf die Arbeitsflächen, polterten auf den Boden, bohrten sich in das Holz des gegenüberliegenden Gestells.
Sofort keimte Hoffnung in mir - dass das irr gewordene Regal dort seinen Meister finden würde, seinen Angriff abbrechen müsste.
„Runter!“, brüllte ich meinen Vater an. „Bedecke den Kopf!“ Und warte, bis sich das Monstrum im Gegenüber verkeilt, fügte ich keuchend in Gedanken hinzu.
Doch leider hatten wir nicht auf die untersten Latten geachtet – und genau die näherten sich meinem Vater rasend schnell, zerrissen die Bekleidung, quetschten die Beine, bohrten sich in seinen Leib, schabten an der blanken Gurtschnalle, drückten erbarmungslos Schreie aus seinem Mund.
So furchtbare Schmerzenslaute, dass sich mir die Nackenhaare sträubten.

Leseprobe als PDF    


   
Sei das Beste, was immer du bist.
Douglas Malloch
© 2007 – 2010 by Nora Günther | Webdesign: DesignMix  |  Kontakt |   Impressum