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Urgewalten

„Stehen bleiben und festhalten, Junge!“
Gebieterisch übertönte die Stimme sogar das heftige Unwetter, das so unerwartet über sie hereingebrochen war.
Der Junge, bereits unkontrolliert zitternd vor Nässe und Kälte, wollte natürlich gehorchen und sich nicht vom Fleck rühren. Doch der fauchende Sturm auf der Bergspitze, viel kräftiger als er selbst mit seinen sechs Jahren, rüttelte ihn mühelos wieder von der Felskante ab. Es nützte nichts, dass er die Arme ausstreckte und sich mit ganzer Kraft gegen den Wind lehnte, um sich erneut anklammern zu können. Der Sturm schob ihn unaufhörlich vor sich her, mühelos wie Geröll. Auf die dunkle Linie zu, die, beleuchtet durch die Blitze, noch unheimlicher aussah. Klang da nicht etwas wie Hohngelächter? „Vatiii…!“ Die Tränen stiegen ihm auf, quollen heftig heraus, ließen die Sicht verschwimmen.
Der Vater brüllte zurück: „Kannst du nicht hören! Du solltest dich doch festhalten!“
Vater stand natürlich fest. Ein Mann, der durch seine Größe die prasselnden Regenströme abschirmen konnte. Mit Händen, noch größer als sein riesigster Schaufelbagger daheim, die den Jungen problemlos fassen und schnell weg vom bedrohlichen Überhang schwenken konnten. Dankbar ließ er sich wie ein Kaninchen schleppen, ertrug auch den schneidenden Jackenreißverschluss, den er unter normalen Umständen nicht ausstehen konnte. Der an seinem Hals schabte, höher und höher.
Aber schließlich lockerte sich der Griff – doch… statt sanft in Sicherheit landete der Junge in Dunklem, Muffigem. „Aber ich…“, er wagte einen kleinen Protest und verstummte.
Der Vater hatte sich bereits wieder aufgerichtet, sich abgewandt. „Du bleibst in dieser Spalte!“ Laut und bestimmt.
„Aber…“ Wimmernd versuchte er noch das väterliche Hosenbein zu erwischen, langte bereits ins Leere. Er japste gegen die erdrückende Angst an. Doch sein Keuchen kam von allen Seiten zurück. Düster und unheimlich.
„Wo bin ich? Wie kann ich hier rauskommen?“ Er wagte einen Schritt. Stolperte, kippte gegen scharfe, nasse Felszacken. Erschrocken rückte er ab und stieß sogleich an die gegenüberliegende Wand. Alle Wände viel zu nahe. Er tastete den Felsen ab, spürte, wie er ihm immer neue Wunden in die Haut ritzte. Endlich fand er eine Stelle, die ihm keine Schmerzen bereitete. Er bewegte sich auf diese Öffnung zu. Zog die Nase hoch. Kroch weiter. Frische, feuchte Luft, und Regen spritzte ihm ins Gesicht. Gleich würde er draußen sein. „Vati, Vati!“ Er ahnte seinen Vater mehr, als dass er ihn sah.
Doch bevor er den Spalt verlassen konnte, hielt ihn etwas zurück.
Ein Blitz, der über der Kuppe gezündet worden war und einen fürchterlichen Donner mitbrachte. Gewaltiges Getöse. Stein erschütternd.
Er kauerte sich nieder, schniefte erneut. Doch kein märchenhafter Zauberer kam zu Hilfe, keine Fee beendete den Traum. Er, der doch noch gar nicht klettern konnte, nie klettern wollte, steckte fest zwischen Felsen und Steinen, auf einem Berg für geübte Wanderer. Inmitten des furchtbarsten Gewitters, das er je erlebt hatte. „Vati, komm her!“
Der Regen wurde noch unbarmherziger. Fand mühelos den Weg in seinen Schlupfwinkel, saugte höhnisch platschend seinen Hilferuf auf. Wie aus einer scharf eingestellten Dusche prasselte das Wasser, drückte ihm die Lider zu, lief in Strömen den Hals herab.
Der Junge schlug um sich und ratschte mit dem Handrücken über das nadelspitze Gestein. „Aua!“ Er versuchte, den Schuldigen für den sich ausbreitenden, stechenden Schmerz zu erkunden. „Au!“ Er konnte in der Finsternis nichts erkennen, doch das Anschwellen und das Brennen der feurigen Striemen spürte er dafür um so deutlicher. „Das tut so weh!“ Sein Weinen und Schniefen prallte an der Felsenzacke ab, wurde nach draußen getragen, doch auch das half nicht.
Der Vater kam nicht zurück.
Nur das Wasser rauschte dröhnend. Rücksichtslos kam es von allen Seiten, suchte sich den Weg in Kragen, Ärmel, Schuhe und arbeitete daran, ihn in der Nische zu verschlingen.
„Ich will hier weg!“ Mühsam reckte er endlich den Kopf aus der Vertiefung. Doch unverzüglich griff der mächtige Wind zu und schleuderte ihn zurück. „Vati! Wo bist du?“ Er krümmte sich, soweit er konnte, klemmte den Hals zwischen seine Schultern und versuchte nochmals, auszubrechen.
Doch was er durch einen wiederum aufzuckenden Blitz erkennen konnte, ließ ihn zusammensinken. Seine Knie gaben wie in Zeitlupe nach. Die aufgeschrammte Hand rutschte an dem zerklüfteten Fels herunter, ohne dass er den neuerlichen Schmerz beachtete.
Sein Vater stand gebückt am Abgrund. Und er sprach – mit Mutti. Warum lag sie da? Es war doch kalt dort, und schmutzig! Er durfte sich nie schmutzig machen! Warum lag sie denn so nah am Abgrund? Warum kroch sie nicht einfach hoch? Sie sah so aus, als sei ihr der Dreck diesmal egal. Sie sah aus wie jemand voller... Angst. Angst?
Eine neue Sturmböe drückte den Jungen zu Boden, trieb Mutti dafür auf die Tiefe zu. Und Vati? Sah zu! Stand da, starr wie der Berg selbst, und sah zu, wie ihre Hände nach Halt suchten. Wie das Gras durch ihre Finger flutschte. Und nur ganz langsam erwachte Vati aus seiner Starre. Drehte sich zu ihr, bewegte einen Fuß auf sie zu. Schleppend, zögernd. Machte den nächsten Schritt. Genauso zurückhaltend, zaudernd. Dann einen weiteren. Und noch einen. Schritte in Kaffeebohnengröße.
Der Junge hielt die Luft an. Endlich, endlich beugte Vati sich vor und griff nach ihren Armen! Aber zu spät! Viel zu spät! Stück für Stück rutschte Mutti aus seinen Händen. Erst versank die Brust hinter der dunklen Linie, dann Schultern und Hals. Nur noch das bleiche Gesicht unter wirr klebenden Haarsträhnen war zu erkennen. Mit dem fassungslosen Ausdruck in den aufgerissenen Augen.
Doch mit dem nächsten Blitzlicht war auch das weg.
Der Junge bäumte sich auf. „Muttiii!“ Brüllte seine Angst und Hilflosigkeit gegen die Klippe, übertönte brausendes Wasser und schnaubenden Wind. „Muttiii!“
Der Vater hatte ihn offensichtlich gehört und drehte sich mit erschrecktem Gesichtsausdruck um – während der Sturm an seinen Haaren zerrte, die Jacke blähte, die Hosenbeine wie Lappen gegen die Waden klatschen ließ. Alles um den Vater herum war in Aufruhr, doch er selbst stand unerschütterlich, öffnete den Mund und rief etwas.
Die Erklärung – jedoch von einer Böe fortgetragen, ehe sie den Jungen erreichte.


Konrad

„Elender Kriepel! Ausgerechnet jetzt!“
Bevor er seine Hofausfahrt erreicht hatte, musste Konrad wieder vom Fahrrad abspringen, konnte die breit gedrückten Reifen nicht länger missachten.
Dabei war heute sein entscheidender Tag, der Tag der Waschräume, Sozialtrakte. Dreh- und Angelpunkt! Nichts und niemand sollte ihn aufhalten auf dem Weg zu den Papieren, die das Glück bedeuteten. Er hatte sich dafür abgehetzt und geschuftet, bei Fremden gebettelt und gekatzbuckelt. Alles, um sich endlich mit der schon verärgerten Ehefrau auszusöhnen! Und heute lief die Frist ab – doch die platten Reifen forderten unübersehbar ihr Recht ein. Also klappte Konrad grummelnd den Fahrradständer aus, stapfte wie ein Matrose bei starkem Seegang zum Schuppen zurück – seinem Allerheiligsten.
Den hatte der Vorbesitzer, wie auch das Haupthaus, vor langer Zeit in orangener Farbe gestrichen, aber später die für Farbenfülle sorgende Witterung an den Gebäuden ignoriert. Nur dem Dach widmete er in all den Jahren mehr Aufmerksamkeit, ersetzte die ausgewechselten Dachpfannen durch andersfarbige und schaffte damit ein beeindruckendes Bild aus bereits bemoosten, rötlich ausgewaschenen und neuen bräunlichen Dachziegeln. Schaurig anzusehen, aber Konrad konnte es nicht korrigieren. Weder heute noch nächste Woche, und schon gar nicht im folgenden Monat.
Er schaute wie gewohnt weg, konzentrierte sich lieber auf das vorsichtige Öffnen der Schuppentür, denn mit dem Quietschen der altersschwachen Angeln wollte er keinesfalls Familie und Nachbarschaft wecken, vor allem nicht Nachbarin Ricarda.
Konrad suchte zusehends nervöser zwischen seinen Schachteln und Kästen nach der Luftpumpe. Die Lärmvermeidung unter Zeitdruck artete zu einem Problem aus, denn sein sorgsam gehütetes Sammelsurium von ausrangierten Schrauben, Schellen und Klemmen schepperte schonungslos. Aber endlich fand er die Pumpe, eilte zum Fahrrad zurück und beugte sich über das Vorderrad.
„Ein herrlicher Morgen! Was, Konrad?“
Er zuckte leicht zusammen, lugte zur Frau, ohne sich sein Unbehagen anmerken zu lassen. Rosalie Heber! Wäre die mir rechtzeitig aufgefallen, hätte ich noch verschwinden können… aber… wenigstens ist es nicht Ricarda. „Hmm, eigentlich zu früh, schon zu heiß. Und laute Vögel.“
„Huch“, sie flüsterte übertrieben, „bist du schlecht drauf?“
Wieso? Aber er zwang sich zum leutseligen Gruß. „Keineswegs. Wünsche dir einen guten Morgen.“ Und das war ein Fehler.
Er hatte Rosalie damit ermuntert, ihr gepflegtes Fahrrad an den baufälligen Zaun zu lehnen, der nur noch durch die Querlatte und gelegentliche Stupse, mehr oder weniger zarte Stöße in seiner Lage gehalten wurde.
Konrad zog bereits den Kopf in Erwartung des Einsturzes und der lästigen Folgeerscheinungen ein. Doch das Gitter hielt. Rosalie war sacht genug mit dem sensiblen Zaun umgegangen.
„Ich dachte, ihr aalt euch schon an der Küste?“
Ihre makellosen Beine näherten sich, und sie brachte einen angenehmen Duft nach Parfüm mit. Zu nahe, viel zu nahe stoppte sie und schubberte mit der Sandalettenspitze an einem Stückchen des betonierten Hofes, das durch in Risse eingedrungenes Wasser aufgetrieben worden war und nun als Stolperkante diente.
Konrad räusperte sich, befriedigte unwillig ihre Neugier. „Wir fahren erst in zwei Wochen.“ Und nun geh, ich habe zu tun!
Doch sie, mit ihren tiefrot gelackten Zehennägeln, dachte nicht daran, das Betonstückchen in Ruhe zu lassen. In aufreizenden Bewegungen schob sie ihren duftenden Knöchel näher an seine ungeputzte Arbeitsschuhe. „Hmm… Deshalb musst du immer recht früh los, um noch alles zu schaffen, was?“
Konrad war lediglich in der Lage zu nicken. Er wusste, was nun passieren würde. Er quetschte den Griff der Luftpumpe und betete um Erlösung. Irgendetwas, das Rosalie ablenken würde, bevor Gattin Gundela oder Spionin Ricarda sie entdeckten. Oder etwas Hilfreiches, was ihn so sehr in Anspruch nehmen müsste, dass er Rosalies Parfüm nicht mehr wahrnehmen würde.
Doch weder verstärktes Luftpumpen, noch die Konzentration auf seine Probleme konnten ihm helfen, den Blick von Rosalies samtiger Haut zu lösen. Ihre vollendet geformten Waden gewannen mühelos das Gefecht gegen seine Sorgen.
„Das ist wohl nicht deine Zeit?“ Rosalie kicherte mitleidig und wiegte sich rücksichtslos noch näher. „Tja, ich kann mich jetzt dafür hinlegen, die Gardinen zuziehen, das Bett aufschütteln, mich gaaanz lang ausstrecken…“
Konrad hörte vernehmlich, wie sie es demonstrierte. Unter Garantie äußerst verführerisch. Doch er hütete sich aufzublicken. Er hielt den Atem an, heftete mühsam den Blick auf das undichte Ventil. Und nicht auf ihre straffen Knie, die Handbreit Versuchung unter dem Saum, die Wespentaille…
„Das ist nämlich das Gute an Nachtschichten im Krankenhaus.“ Rosalie gab nicht auf, raschelte mit ihrem transparenten Kleidchen, schob sich unverhohlen in sein Blickfeld und ihr Becken so unerbittlich vor, bis sie damit Stromstöße durch Konrads Schultern jagen konnte. „Wo wollt ihr nun eigentlich urlauben?“
Nun eigentlich… aha! Auch der Tonfall machte deutlich, dass Rosalie über den Streit, die Diskussionen im Bilde war. Er pumpte so heftig, dass die Haut fast Blasen schlug. „Ba–la–ton.“
„Oh! Ah ja… hmm… also, ich liebe Ungarn!“ Das Becken mit dem Kleidchen schaukelte sich seitwärts, weg von Konrads heißem Körper. „Budapest… Puszta… Paprika…“ Sie ließ ihm wieder Luft zum Atmen. „Und in ein paar Tagen bekommen wir endlich die harte D-Mark, eine richtige Währung dafür, was?“
Konrad nickte widerwillig. Rosalie übertrieb wie immer maßlos – jedoch hatte er weder Lust noch Zeit, mit dieser männerfressenden Verführerin über den Familienurlaub zu plauschen!
Doch Rosalie schwärmte schon weiter. „Strandhotel, Nachtbar, Weinverkostung“, sie schnalzte mit der Zunge, „ach, ist das etwa schon ein Jahr her, als ich dort war?“ Sie zitterte vor beschwingter Erwartung, ihm davon berichten zu können – und kam erneut näher!
Konrad wand sich, riss die Pumpe ab, drehte die Kappe auf und hechtete zum Hinterrad.
Aber Rosalie folgte ihm gnadenlos. „Ich war natürlich nur auf einem überfüllten Zeltplatz. Vor dem Nobelrestaurant, nicht drin. Und hinter dem Tennisplatz, nicht drauf. Eben typischer Zaungast mit der Ostmark. Aber meine Bekannten hatten alles organisiert. Und dem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, was?“ Sie gurrte kurz. „Leider sind die über die Grenze abgehauen. Und ich stand mit dem Campingzeug da…“
Das war neu! Er sah hoch. „Warum bist du nicht mit?“
„Ach“, sie ordnete ihr Haar, die lange, gewellte Pracht. „Ich wollte abwarten. Habe hier doch mein Haus, sichere Arbeit. So ein Auffanglager wäre nichts für mich.“
Konrad drehte den Kopf, um sein Grinsen zu verstecken. Das kann ich mir vorstellen! Eine Rosalie braucht drei Stunden und zwei Armbreit vor dem Spiegel. Andererseits… dort hätte es sicher genügend Frischfleisch für diesen Vamp gegeben.
Doch Rosalie war wohl sein Lächeln nicht entgangen, sie verringerte die Distanz, kniete nieder, ließ Konrad im Ausschnitt die Beschaffenheit ihres Büstenhalters bewundern.
Gewölbte zarte Spitze. Weiß mit hautfarbenen Sprenkeln.
Die Temperatur in Konrads Innerem machte prompt dem Sommer Konkurrenz, stieg mit jedem Schläufchen, das er entdeckte.
Doch abrupt entzog sie ihm die bombastische Einsicht. „Ich denke, deine Frau freut sich sicher schon auf den Urlaub mit Szegediner Gulasch, flaschenweise Tokajer…“
Peng! Die kalte Dusche war ihr geglückt. Konrad beugte sich rasch, versteckte den ertappten Blick. Denn Gundela wollte eigentlich das Exotische, war mit Krabben und Champagner in die Verhandlung mit ihm gestartet…
Rosalie ließ ihr Kleidchen wieder rascheln. „Und, wirst du als smarter Zigeunerbaron an der schönen blauen Donau tanzen?“ Sie legte den Finger treffsicher in die Wunde.
Konrad knurrte. „Sicher. Und tauchen, segeln, golfen.“
Das war eine indiskutable Forderung von Gundela gewesen, die er noch abschmettern konnte. Aber Fernreise und Hotelaufenthalt hatte sie sich nicht ausreden lassen, so sehr er sich auch bemühte. Sie wischte sein zartes Gegenargument, den Hinweis auf stete Verfügbarkeit, flott beiseite. Es wäre Ferienzeit, damit Saure-Gurken-Zeit auch für seine Branche. Kein lukrativer Neukunde in Sicht, keine Heizungshavarie zu befürchten – also wäre auch ein Konrad für zehn Tage entbehrlich. Abgesehen davon, dass sie den Urlaub brauche und damit eine Auszeit von Morgenhektik, Beruf und Haushaltsallerlei seit dem Umzug.
Seinen nächsten Einwand, untermalt mit bettelnd eingezogenen Schultern und reibenden Fingerspitzen, tat Gundela ebenfalls rasch ab. Sie hätte Urlaubsgeld gespart, seit Konrad ihr damals die Schifffahrt auf der Wolga versprach und nicht besorgte. Dann wurde es heftiger zwischen ihnen, da er das Geld längst entdeckt und für Materialeinkäufe eingeplant hatte – eine Idee, die sie fast an die Decke springen ließ. Aber irgendwann schaffte er es, sie zu beruhigen, und ihren Riviera-Traum gegen seinen gewünschten Plattensee einzutauschen…
Rosalie, die von Gundela entweder noch mehr Informationen als befürchtet bekommen hatte oder einfach Gedanken lesen konnte, kicherte indessen amüsiert und nötigte ihn damit, sich so tief zu beugen, als wollte er mit der Nasenspitze den Reifendruck prüfen.
„Also, ich könnte mir vorstellen, dass du zur Ferienzeit mehr der Typ für den Strandkorb als für ein Tretboot bist, was? Ich zerfließe schon immer vor Bedauern, wenn du nachts schnaufend vom Rad fällst.“
Konrad fuhr wieder auf. „Was?!“
Sie hob begütigend ihren Arm. „Ehrlich. Ich meine es wirklich so – und habe das auch den anderen gesagt.“
„Dass ich schnaufe?“
„Dass du bis nachts arbeitest! Als ich zufällig gehört habe, wie sich die Frauen über eure… hmm… ältere Fassade, die vertrockneten Pflänzchen ihre Gedanken machten. Immerhin seid ihr jung, kräftig und du vom Fach…“
Er wehrte ärgerlich ab. „Ich bin kein Häuslebauer!“
Rosalie senkte die Stimme. „Aber bist du nicht scharf darauf, das schnuckeligste Haus im Ort zu haben? Schließlich bist du der Einzige weit und breit mit einer eigenen Firma. Chefsein verpflichtet…“
Seine Verblüffung wich unverhohlenem Ärger, er vergaß sogar kurz seine Zeitnot. „Wem, wem bin ich was schuldig?“
Rosalie ließ die Zähne strahlen und öffnete herausfordernd ihre Lider über tiefbraunen Augen, in deren Blick Männer wie im Treibsand verloren gingen – und auch Konrad starrte gebannt in dieses unergründliche Braun.
Doch Rosalie zerstörte rasch den Zauber. „Woher soll ich das wissen? Ich wollte dir nur berichten, was von den Frauen so erzählt wird. Aber“, sie wendete sich ihrem Rad zu und stieg bereits auf, „du wirst dich hier schon einleben. Tschü-hüß!“
Konrad sah ihr, die seit ihrem ersten Zusammentreffen Gefallen daran gefunden hatte, ihn zu provozieren, verwirrt hinterher.

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Leo N. Tolstoi
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