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12.11.2007
Krieg ist immer wie ein Schwedentrunk
 
Nora Günther aus dem Elbe-Elster-Land gelang ein fulminanter Roman
Der Boden im Lausitzer und Elbe-Elster-Land ist zu karg, als dass daraus Romane, Dramen und Gedichte wie Pilze hervorschießen könnten. Um so erfreulicher, dass bei BücherKammer in Herzberg jetzt ein richtig dicker und fest eingebundener historischer Roman das Licht der literarischen Welt erblickt hat. Man weiß, was man in der Hand hat, wenn man das Buch in die Hand nimmt. Noch bemerkenswerter: Dieses Buch kommt mit einem recht hohen erzählerischen Niveau daher. Es heißt „Sturm der Verdammnis“, seine Autorin Nora Günther.

VON KLAUS WILKE

Es ist ein Sturm der Verdammnis über das Elbe-Elster-Land hereingebrochen. Ein Krieg, der, wie der Richter Paull Günther sagt, „meine Heimat, mein Städtchen, meine Familie und meine Freunde während meines Mannesalters heimsuchte. Ein Sturm, der fast eine ganze Generation auslöschte.“
Das klingt, als wäre das vor gut 60 Jahren gewesen, 1944/45, dabei geschah es vor mehr als 360 Jahren. Nora Günther erzählt die Geschichte einer Familie im Dreißigjährigen Krieg. Es sind die Ahnen ihres Ehemannes, vieles deshalb authentisch. Historie vor der Haustür, Mühlberg und Liebenwerda, Wahrenbrück und Uebigau, Schlieben, Schilda, Belgern und Torgau stehen im Brennpunkt. Brennpunkt im doppelten Sinne: Die schwedischen Besatzungstruppen brandschatzen, vergewaltigen, rauben, plündern, morden. Nicht dass die Schweden die schlimmsten wären, im Krieg sind alle schlimm. So gesehen wirkt der ganze Krieg – übriges zu allen Zeiten! – wie der berühmte Schwedentrunk aus Jauche, der Menschen eingeflößt wird. Aber am dreckigsten geht es den kleinen Leuten. Sie werden zwischen den Mühlsteinen konfessioneller, politischer und dynastischer Interessen zerrieben.
Das hat Nora Günther in packende Alltagsszenen gefasst. Wie nahe doch Gewalt und Zärtlichkeit beieinander liegen. Eben noch wurde Hochzeit gefeiert, zwei junge Menschen standen an der Schwelle zu ihrem Lebensglück, da bricht der Krieg in ihre Welt und reißt bald auch Lücken in ihre Großfamilie. Alles leidet unter der Drangsalierung durch die Schweden. Die Steuerlasten tun ein Übriges, um die Not zu vergrößern. Die Autorin zeigt aber auch, dass Elend Abenteuer initiiert: Listenreiche Auswege, sei es, um Frauen und Kinder der Aufmerksamkeit der Besatzer zu entziehen, das Saatgut für das nächste Jahr in Sicherheit zu bringen oder auch nur, um ein geraubtes Pferd zurückzuholen.
Bei Nora Günther erfährt das eine erstaunlich farbige Schilderung, die sich oft eines volksverbundenen, auch historischen Wortschatzes bedient. Man nennt das: dem Volk aufs Maul geschaut. Freilich sollte trotzdem die Schriftsprache nicht zu fehlerhaften Anleihen bei der gesprochenen Rede mit ihrer Genitivverweigerung (vor allem nach trotz und wegen) führen. Den Lesefluss stören auch eigenwillige, hin und wieder sogar abenteuerliche Zeichensetzungen sowie die unglückliche Handhabung der in die Dialoge eingefügten Redeverben.
Doch das ist nicht das Dominierende. Wunderschön sind zum Beispiel die Einblicke in das Handwerk, in die Spinnstube, beim Bader oder beim Kerzenziehen.

Nora Günther: Sturm der Verdammnis. Verlag BücherKammer Herzberg. Gebunden. ISBN 978-3-940635-00-6. 336 Seiten. 19,95 Euro.

Nora Günther formte ein Familienschicksal aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu einem spannenden historischen Roman. In der Elbe-Elster-Region angesiedelt, widerspiegelt das Buch Weltgeschehen und macht auch für die Gegenwart nachdenklich.

(Quelle: Lausitzer Rundschau / Elbe-Elster-Rundschau / 18. Jg. Nr. 263, 12.11.2007, S.8)
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