Am
Scheideweg
„Brrrh“,
der Bursche ließ die Zügel sinken, „hier stimmt
was nicht!“ Er schob die Plane des Fuhrwagens beiseite und
beobachtete die Umgebung. „Nickel, sieh’ mal…“,
zischelte er über die Schulter.
Aber es regte sich nichts auf dem Wagen.
Da griff der Bursche, ohne die Gegend aus den Augen zu lassen, hinter
sich und riss schonungslos eine Decke hoch. „Nickel, hurtig,
steh’ auf!“
„Jacoff, Jacoff“, der so freigelegte und unsanft aus
dem Dösen gerissene Mann streckte sich und gähnte herzhaft,
„du bist ja aufgeregter als ein Weib in der Hochzeitsnacht!“
„Nickel!“ Jacoffs Stimme kletterte bereits wie auf einer
Leiter nach oben. „Gucke doch!“
„Schon gut, Kleiner“, Nickel stöhnte und stemmte
sich an der stark knarrenden Lehne des Kutschbockes hoch. „Was
lamentierst du bloß?“ Er blinzelte über die Holzlatten.
Was störte denn den Kleinen? War es die Morgensonne, die bereits
hinter den Feldern aufgestiegen war? Oder die gefroren glitzernden
Pfützen auf den sich kreuzenden Wegen vor ihnen? Nickel drehte
sich zu Jacoff, grinste das bleiche Gesicht unter den roten Locken,
ihrem Familienerkennungszeichen, an. „Ach, Brüderchen“,
er angelte nach seiner Decke und ließ sich wieder auf den
Wagenboden sinken. „Es ist alles in bester Ordnung. Du hast
dich nicht verfahren! Lass den Gaul nur geradewegs weiter trotten.“
Er seufzte wohlig. „Es sei denn, du willst den Wagen in Mühlberg
abladen, dann musst du jetzt abbiegen.“
„Ich kenne den Weg!“ Jacoff schnaufte beleidigt. Aber
der Argwohn war offensichtlich stärker, denn in versöhnlichem
Ton wandte er sich erneut an Nickel. „Ich weiß, dass
wir nur noch eine halbe Meile bis zu den Stadttoren von Liebenwerda
fahren müssen. Aus diesem Grunde müssten wir doch wenigstens
eine Menschenseele…“
„Es ist eben zu früh“, knurrte Nickel, „mach'
schon, Kleiner!“
Jacoff gehorchte und trieb das Pferd an, meldete sich jedoch wiederum
mit brüchiger Stimme. „Es ist nicht zu zeitig! Die Leute
würden…“
„… sicher gern wegen der Kälte in ihren Häusern
bleiben.“ Nickel wickelte die Decke fester um sich. „Weil
sie aus weicherem Holz geschnitzt wurden als wir“, lachte
er.
„Das kann es nicht sein“, Jacoff schüttelte den
Kopf, „so eisig pfeift der Wind nicht! Es könnte wirklich
jemand…“ Er schluckte laut. „Wären wir lieber
erst zum Wochenmarkt zurück gefahren, dann hätten wir
jedenfalls sicheres Geleit!“
„Haha, Kleiner“, brummte
Nickel unter der Decke, „den Schutz gibt es nur zu den Jahrmärkten,
und dann nur für hohes Geleitgeld!“ Er seufzte. „Und
dazu das Marktstandsgeld, die Gebühr für die Benutzung
der Wollwaage… was meinst du wohl, Jacoff, warum ich die Fuhrdienste
zwischen den Märkten auch übernehme?“
„Aber“, Jacoff schleuderte seine Locken heftiger, „wir
sind eine Weile fort gewesen. Wenn nun hier wieder Söldner
auf der Lauer liegen? Oder sogar Kämpfe ausgebrochen sind?“
Er hielt inne, horchte mit bestürztem Gesicht auf die Geräusche
des Waldes.
Nickel tat es ihm nach. Doch er bemerkte lediglich das Knacken der
fichtenen Äste, die unter frostigen Schneedecken litten.
„Deshalb begegnen wir keinem Fuhrwerk“, Jacoff flüsterte
so furchtsam, dass Nickel Mühe hatte, die Worte zu verstehen,
„keinem Wegeläufer. Denn ich würde nicht…“
„Ach, Kleiner, mit dieser Furcht würdest du niemals Botenlohn
verdienen! Ich hätte dich in deiner Schule lassen sollen!“
Nickel ächzte, legte die Decke ab und setzte sich zu Jacoff
auf den Bock. „Nun gut, du Hasenfuß. Wann bist du denn
das letzte Mal einem Soldaten begegnet?“
„Ich selbst?“ Jacoff musste rechnen. „Vor mehr
als zwei Jahren…“
„Sag’ bloß! Und, siehst du jetzt ein gegnerisches
Heer?“
„Nein.“
„Hörst du Kampfgetümmel?“
„Nein, aber…“
Nickel sah Jacoff nachdrücklich an. „Was haben wir auf
unserem Wagen?“
Jacoff stutzte. „Weinfässer und Tongefäße
für den Rat der Stadt. Wieso?“
Nickel reckte sich, antwortete mit einer Gegenfrage. „Und
wofür entlohnen uns die Ratsherren?“
Jacoff rollte mit den Augäpfeln. „Für die Anfuhr…
aber…“
Nickel würgte Jacoffs Einwand ab. „Was werden wir erhalten,
wenn wir beizeiten ankommen?“
„Vier Gulden.“
„Und, kannst du darauf verzichten?“ Doch Nickel hätte
nicht zu fragen brauchen. Denn Jacoff konnte es ebenso wenig wie
der Rest der Familie. Krankheit, Tod und Begräbnis vom Vater
hatten die letzten Vorräte verschlungen. Für die teure
Medizin, den Sarg, die Kreuzträger, die Räucherkerzlein,
das Gebinde mit Flor und Schleife. Nun musste noch die Ausfertigung
des Erbkaufvertrages bezahlt werden. Nickel hob die Hand, wollte
eine deutliche Antwort. „Na, Jacoff? Hat unser Vater etwa
Feiglinge gezeugt? Memmen, die sich hinter Weiberröcken verstecken?“
„Natürlich nicht!“
Nickel stülpte die Unterlippe vor. „Welche Last quält
dich nun, Kleiner?“
Jacoff stieß die Luft hörbar aus. „Nur der holprige
Weg und die vereisten Pfützen und Furchen. Der Grauschimmel
rutscht mit seinen Hufen.“
„Das klingt schon besser.“ Nickel lächelte befriedigt.
„Da werde ich dir mal…“ Doch seine weiteren Worte
gingen in lautem Gepolter unter.
„Brrrh“, Jacoff zuckte zusammen und zog am Zügel,
bis das Pferd schnaubend stehen blieb. Er fauchte. „Mist!
Mist, dampfender Mist!“
Nickel kletterte flink ins Wageninnere. „Das Halteseil hat
sich gelöst. Ein Teil des Geschirrs ist zu Bruch gegangen!“
Er nahm die Kiste mit den Scherben, hievte sie auf den Kutschbock
zu Jacoff und äugte hinein. „Ob wir dafür überhaupt
noch einen Pfennig kriegen können?“ Er sah hoch und sein
bekümmerter Blick veränderte sich.
„Was ist?“ Jacoff wirbelte herum.
Unvermittelt waren aus dem Wäldchen an der Wegeskreuzung vor
ihnen zwei berittene Soldaten in derben Monturen aufgetaucht. Einer
trug einen Brustpanzer, der andere den dazu passenden Helm. Beide
hatten die Schwerter aus dem Gürtel gezogen, näherten
sich fast gemächlich auf ihren kräftigen Rappen.
Nickel erstarrte. Ihr eigenes Tier wirkte dagegen wie ein halbverhungerter,
lahmer Klepper. Und es war auch zu spät, ein Versteck zu finden.
Ehe sie den schwerfälligen Wagen gewendet hätten…
eine Flucht war unmöglich. Nickel war klar, dass die Soldaten
es wussten, denn sonst wären sie später aus dem Schlupfwinkel
gekommen. So aber peilten sie ohne jagende Eile ihre Opfer an und
weideten sich offenbar schon an Unruhe und Angst.
Jacoff presste durch die Zähne. „Was wollen die von uns?“
„Plündern!“ Nickel atmete schwer. „Aber mit
den beiden werden wir fertig! Du lockst einen zum Mühlberger
Weg.“ Er neigte schwach den Kopf zur Seite. „Nimm die
Peitsche. Los!“
Jacoff nickte, rutschte vom Kutschbock und rannte um den Wagen herum
in die angegebene Richtung. Es klappte. Die Soldaten zögerten
und der Helmträger drehte zu Jacoff ab.
Nickel lehnte sich hastig über die Kiste, griff nach dem Zaumzeug
und scheuchte den Grauschimmel, um den zweiten Reiter, der nun schneller
herankam, weiter zu verwirren. Dann sprang er auf, riss die Scherbenkiste
mit sich und schleuderte sie auf den Widersacher, als der nahe genug
war.
Die zerberstende Kiste schepperte, der Rappe wieherte, stellte sich
auf die Hinterbeine und warf den kreischenden Soldaten ab.
Ein wahrer Höllenlärm.
Nickel grinste. Denn er, der selbst einen Ochsen bändigen konnte,
hatte seine ganze Kraft in den Wurf gelegt, gut gezielt und sich
auch vom schützenden Brustpanzer des Söldners nicht entmutigen
lassen. Aber der Kampf war noch nicht gewonnen. Nickel ließ
den Grauschimmel nicht zur Ruhe kommen, mit gellenden Rufen feuerte
er das Pferd weiter an, während er sich zu Jacoff umsah. Der
kam jedoch allein zurecht, gekonnt die Peitsche schwingend, hielt
er sich den Helmträger gut vom Leib. Dessen Schwerthiebe gingen
sämtlichst ins Leere. „Kleiner, komm!“
Jacoff nickte und sprang hoch. Holte mit der Peitsche aus und visierte
den Kopf des fremden Pferdes an. Derselbe Jacoff, der unter Nickels
Gespött daheim den Grauschimmel fast zu zärtlich striegelte,
schlug nun zu, so heftig er konnte.
Und der Rappe scheute wie erwartet, gehorchte dem Reiter nicht mehr,
wieherte qualvoll und drehte sich ruckartig auf der vereisten Wiese.
Dem Helmträger war es sehr beschwerlich, auf dem Sattel zu
bleiben.
Jacoff ließ die Peitsche fallen, wandte sich ab und hastete
an dem verängstigten Pferd vorbei zu Nickel.
Doch die Kampfgeräusche hatten die Gefährten der beiden
Wegelagerer alarmiert. Diese rannten schon mit Musketen aus dem
Wäldchen und brüllten in einer unverständlichen Sprache.
Nickel erblasste. Er sah gehetzt um sich und versuchte, einen Ausweg
zu finden. Wenn er den Grauschimmel weiter feurig antrieb, würden
sie selbst mit dem plumpen Wagen der Meute entkommen. Aber Jacoff
war noch zu weit entfernt, um ihn einholen und aufspringen zu können.
Und der Helmträger hatte sein Pferd wieder unter Kontrolle
gebracht, rückte mit wutverzerrtem Gesicht zum Bruder vor.
Nur noch der herrenlose Rappe des unter dem Scherbenhaufen liegenden
Angreifers war für den schon keuchenden Jacoff erreichbar.
„Kleiner, greif’ dir den Gaul!“
Jacoff befolgte den Rat. Er hechtete zum zurückweichenden Rappen,
konnte noch das Halfter erfassen, sich an den Pferdehals klammern
und aufschwingen, während die Gegner ihm jedoch bereits den
Weg zu Nickel abschnitten.
„Flieh’, Jacoff, flieh’!“
Nickel schrie aus Leibeskräften, klatschte mit dem Zügel,
scheuchte erbarmungslos den Grauschimmel. „Ich kümmere
mich um die Horde!“ Er würde die Feinde mit dem Wagen
ablenken. Sie mit der entschwindenden Beute auf sich ziehen, um
Jacoff Zeit zu verschaffen. Und der Kleine würde nicht einen
Augenblick daran zweifeln und davon preschen können, denn Nickel
hatte immer Wort gehalten.
Aber es fielen Schüsse in Jacoffs Richtung. Harte Knalle in
der winterlichen Luft.
Nickel erschrak, zog am Zügel und rutschte auf dem Bock zur
Seite. Er riss die Plane zurück und erblickte Jacoff, wie der
die Fersen in die Flanken des Pferdes drückte.
Doch es beeindruckte die Fremden nicht. Sie gaben nicht auf, legten
an und schossen erneut.
Nun brüllte Jacoff auf. Denn die Waffen reichten weit, hatten
sein Fleisch wohl noch zerfetzen können.
Nickel bemerkte entsetzt, wie Jacoff zusammensackte. Aber der Kleine
tat weiterhin, was Nickel ihm aufgetragen hatte. Er ritt um sein
Leben.
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