Schändliche Frucht
„Martha!“ Agathe beugte sich über ihre keuchende Schwiegertochter, die das Stroh der Schlafstatt durch Wälzen und Zappeln bald völlig breitgescharrt hätte. „Versuche, leiser zu sein, ja?“
„Ich ... bemühe ... mich“, beteuerte die junge Frau jämmerlich, derweil sie ihren aufgetriebenen Bauch umklammerte und mit den Fersen gegen die Bretterwand der kleinen Kammer in unregelmäßigen Abständen trat. „Aber ... es tut so weh!“
„Ich weiß“, stöhnte Agathe, „und mit der stundenlangen Fahrt auf dem rumpelnden Karren hierher nach Herzberg hast du dir und deiner Leibesfrucht keinen Gefallen getan. Wir hätten dich doch nicht mitnehmen dürfen, dich besser in Mühlberg verstecken müssen.“
Sie drehte sich zu der Schüssel, die sie bei Einbruch der Nacht mit kaltem Wasser gefüllt hatte, und tauchte einen löcherigen Lappen hinein.
„Bei Gott, ich hätte mehr auf deinen Zustand Acht geben und bedenken müssen, dass du zu geschwächt für eine solche Reise bist.“
Sie zog den Lappen aus dem Wasser, wrang ihn aus und wischte Martha die vom Schweiß durchfeuchteten Haare aus der Stirn.
„Warum?“ Die Schwangere schrie jetzt nicht mehr, stieß dafür die Wörter röchelnd hervor. „Du weißt selbst, dass die Pestilenz, der schwarze Tod ...“
„Ja, die verfluchte Seuche grassiert in unserer Stadt“, stimmte Agathe mit gereiztem Unterton zu. „Und jedermann flüchtet oder versteckt sich. Nur mein Ehemann, der große Paull, bildet sich ein, dem Todesatem entgehen zu können, selbst wenn er sich persönlich um das Verscharren der Leichen auf dem Pestfriedhof kümmern müsste!“
Sie warf den Lappen mit solchem Schwung in die Schüssel zurück, dass es platschte und Martha überrascht zuckte. Vielleicht hatte sie einen nassen Schwall abbekommen, doch Agathe konnte sich darum nicht kümmern, hatte zu sehr damit zu tun, ihre unerfreulichen Gedanken zu zähmen. Sie atmete mehrmals tief durch und nickte energisch. „Gleichwohl wäre es sicherer gewesen, du hättest dich in unserem eigenen Heim vor den Pestkranken verborgen, immer ordentlich geräuchert, dich notfalls dem Bader“, sie schüttelte sich angewidert, „mit seinen Utensilien wie Glüheisen, kochendem Wasser und brühheißem Öl anvertraut.“
„Wir hatten die gemeinsame Fahrt doch besprochen“, widersprach Martha krächzend, „du selbst hast es gewollt, sogar gewagt, deinem Mann zu widersprechen. Obendrein sieht man, dass ich so gut wie du, deine Schwägerin und Nichten hier bei Oheim Johann angekommen bin.“
Sie tastete nach dem Lappen, steckte ihn sich in den Mund und versuchte, einen neuerlichen Schrei zu unterdrücken. Vergeblich. Der Schmerzenslaut entfuhr ihr und prallte gegen die dünnen Bretter, welche die Kammer zu Johanns Backstube abgrenzten.
„Ja, genauso gut“, spottete Agathe mit aufsteigenden Tränen, „nur, dass wir anderen nun nicht mit Leid darniederliegen, uns mit Krämpfen quälen müssen.“
Martha krümmte sich, soweit es der gedunsene Bauch zuließ, spuckte den Lappen aus und lächelte mühsam. „Die Krämpfe sind richtig. Gott hat meine Gebete erhört.“
„Was?! Du hast es doch getan! Wirst du wohl ...“
Entsetzt sprang Agathe auf, hastete zur Tür und vergewisserte sich, dass niemand gelauscht hatte.
|